Ein Blick in die Gesundheitsregionen Niedersachsen in Zeiten von Corona

 
Erstellt am 05.05.20 von Administratorin Nunez Cuquejo

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Ein Blick in die Gesundheitsregionen Niedersachsen in Zeiten von Corona

Erfolgreiche kommunale Gesundheitsförderung und gute Zusammenarbeit aller relevanten Akteur*innen vor Ort gehen Hand in Hand. Vor diesem Hintergrund ist in den letzten Jahren eine Vielzahl an Landkreisen und kreisfreien Städten in Niedersachsen Gesundheitsregion geworden. Initiiert vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung und gefördert durch verschiedene Kooperationspartner*innen aus der Gesundheitsversorgung, haben sich regionale Strukturen etabliert, über die Gesundheitsförderung und -versorgung lebensweltnah gestaltet und innovative Projekte vorangebracht werden. Die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (LVG & AFS) begleitet, koordiniert und vernetzt die Prozesse landesweit. Die Koordination in den einzelnen Gesundheitsregionen ist regional organisiert und nicht selten an den zuständigen Öffentlichen Gesundheitsdienste (ÖGD) angesiedelt.

Weiß man also um die beteiligten Berufsgruppen, bedarf es kaum des Hinweises, dass die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie für die Arbeit der Gesundheitsregionen große Herausforderungen bergen. Denn vielleicht mehr als jede andere Branche muss sich der Gesundheitssektor dieser Tage modifizieren und Arbeitsabläufe anpassen, Kapazitäten umverteilen und Prioritäten neu setzen – Kommunen spielen hier eine zentrale koordinierende Rolle.

Umso mehr freuen wir uns, dass sich Vertreter*innen aus vier Gesundheitsregionen am 28. April 2020 die Zeit genommen haben, mit uns zu sprechen. Im Telefoninterview berichten sie, wie sich ihre Arbeit im Zuge der COVID-19-Pandemie verändert hat, welche Herausforderungen es in den Kommunen zu bewältigen gilt und wie sich die Strukturen der Gesundheitsregionen auf die Krisenbewältigung vor Ort auswirken.

Hier finden Sie das Interview als PDF zum Download.



Im Gespräch waren:

Petra Broistedt, Stadträtin, stellv. Vorstandsvorsitzende Gesundheitsregion Göttingen/ Südniedersachsen e. V.

Simone Krebstakies, Koordinatorin Gesundheitsregion Ammerland, Gesundheitsamt Ammerland

Rainer Schubert, Koordinator Gesundheitsregion Braunschweig, Gesundheitsplanung, Gesundheitsamt Braunschweig

Mareike Wächter, Koordinatorin Gesundheitsregion Osnabrück, Gesundheitsdienst für Landkreis und Stadt Osnabrück

 

 

LVG: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um mit uns über Ihre momentane Arbeit und die Aktivitäten in den Gesundheitsregionen zu sprechen. Wo erreichen wir Sie heute?

Petra Broistedt (Göttingen): Jetzt sitze ich in meinem Büro. Zurzeit leite ich den Corona-Stab vor Ort, daher bin ich momentan auch häufig im Katastrophenschutzraum zu finden. Ab und an arbeite ich von zu Hause mit meinem Notebook.

Mareike Wächter (Osnabrück): Jetzt gerade bin ich ebenfalls im Büro im Kreishaus. Ich arbeite allerdings auch im Homeoffice.

Simone Krebstakies (Ammerland): Ich sitze auch im Gesundheitsamt, allerdings hat sich auch hier die Lage verändert. Wir arbeiten mittlerweile nach einem Pandemieplan und sind in zwei unterschiedliche Teams aufgeteilt – Team Obergeschoss und Team Untergeschoss. Wir arbeiten komplett autark voneinander.

Rainer Schubert (Braunschweig): Ich sitze noch an meinem alten Platz im Gesundheitsamt, nur mit anderen Aufgaben.

 

 

LVG: Wie gestaltet sich Ihr aktuelles Tätigkeitsfeld?

Krebstakies: Wir haben im Zuge von COVID-19 ganz andere Aufgaben erhalten. Im Prinzip macht hier niemand mehr das, was ursprünglich ihre*seine Aufgabe im Gesundheitsamt war. Alle Mitarbeiter*innen sind auch in das Corona-Krisenmanagement eingebunden. Meine Aufgabe ist jetzt zum Beispiel die Pressearbeit. Und ich befrage Menschen, die in Quarantäne sind, zu ihrem Gesundheitszustand.

Schubert: Anfang März hat mich meine Dezernentin, Frau Dr. Arbogast, wegen konkreter Unterstützung für das Gesundheitsamt in Coronaangelegenheiten angefragt. Seitdem stelle ich jetzt die Verbindung zwischen der Gefahrenabwehrleitung (GAL) der Stadt Braunschweig und dem Gesundheitsamt dar. Die GAL trifft sich jeden Morgen. Anfangs ging es dort natürlich um die Strategien des Infektionsschutzes zum Containment und weitreichenden Entscheidungen in der Gesundheitsversorgung, später um konkrete Absicherung der Wochenend- und Feiertagsdienste. Mittlerweile rückt vor allem das Heimgeschehen in den Fokus. Besonders nachdem in Wolfsburg so viele Todesfälle gemeldet wurden, war es zwingend notwendig, eine enge und vertrauensvolle Verbindung zu den Seniorenheimen aufzubauen. Zudem wurde eine Taskforce „Heim“ aufgestellt, die aktuell jeden Morgen Heime aufsucht, um Hygiene- und Pandemiepläne sowie mögliche Isolations- und Separationswege zu besprechen. Das ist eine reine Präventionsmaßnahme. Aber die Taskforce ist gleichzeitig auch „Ausbruchsteam“ für den Fall, dass COVID-19 in Pflegeheimen virulent werden sollte – und hier gab es für diese Teams bereits eine Menge zu tun.

Nach den täglichen Besprechungen der GAL bin ich im Krisenstab des Gesundheitsamtes aktiv und Berichte über die Aktivitäten der GAL und darüber, welche Anforderungen auf uns zukommen und auf welche Aspekte verstärktes Augenmerk gelegt werden muss. Dies wird anschließend und über den restlichen Tag verteilt mit all denen, die hier im Gesundheitsamt tätig sind, organisiert. Am nächsten Morgen gebe ich die Informationen und Anfragen aus dem Gesundheitsamt dann wieder in die GAL. Also mein Tagesablauf ist komplett anders als sonst.

Broistedt: Jetzt, als Leitung des Corona-Stabes, bin ich zuständig für Stadt und Landkreis – und das beschäftigt mich von morgens um acht bis abends um zehn, an sieben Tagen in der Woche. In der Stadt Göttingen ist die Lage ruhig und es gibt schon viele Genesene. Wir haben aktuell aber im Harzer Raum gehäufte Ausbrüche in Seniorenheimen. Da ist wirklich Not am Mann und an der Frau. Wir glauben, dass das Virus sich im Harzer Raum durch die dortige Klinik verbreitet hat. Wirklich beweisen kann man das aber nicht. Vor diesem Hintergrund haben wir eine unangemeldete Begehung mit Unterstützung durch die Polizei durchgeführt. Das war kein schöner Moment und ist auch nicht gut angekommen. Aber wir stellten fest, dass es zum Teil Defizite bei bestimmten Hygienevorgaben und bei Trennungen von Klinikbereichen gibt. Hier wurde von der Klinik schon nachgebessert. Fakt ist aber, dass wir 16 Heime in der Region haben, die zum Teil stark von COVID-19 betroffen sind – mit vielen Todesfällen. Das erfordert momentan einen Großteil meiner Arbeitskraft.

Daneben stellen sich viele andere Fragen. Zum Beispiel: Wo und wie können wir Wohnungslose in diesen Zeiten unterbringen? Sie sind nicht an die Strukturen des Lebens in einer Wohnung gewöhnt und umso schwieriger ist es für sie zu verstehen, dass man in Quarantäne geht, wenn man Kontaktperson ersten Grades oder auch selbst COVID-19-positiv getestet ist. Die Frage ist, wie gelingt es uns dann, die Menschen in zuständigen Einrichtungen zu behalten? Wie können sie dort betreut werden? Schicke ich meine Sozialarbeiter*innen dann dort hin? Die haben nämlich auch Angst, sich anzustecken. Oder wie gehe ich mit Suchtkranken um, die in Quarantäne müssen? Wo können COVID-19-positiv getestete Geflüchtete untergebracht werden? Denn sie können nicht in unsere normalen Flüchtlingsunterkünfte. Wir haben gestern eine Einrichtung für COVID-19-positiv getestete Geflüchtete eröffnet. Was machen wir in Fällen häuslicher Gewalt? In der Regel gibt es einen Platzverweis für den Mann. Aber wenn der möglicherweise positiv getestet oder Kontaktperson ersten Grades ist, wohin mit ihm? Was ist, wenn sich eine Frau mit Kindern von ihrem Mann trennt und positiv getestet ist? Sie kann dann nicht einfach ins Frauenhaus.

Große Gedanken mache ich mir auch über die Unterbringung von Menschen mit demenziellen Erkrankungen. Wenn Menschen aus dem Krankenhaus zurück in Pflegeeinrichtung kommen, müssen sie richtigerweise zwei Wochen in Quarantäne. Das ist bei Menschen mit demenziellen Erkrankungen aber nicht möglich, da sie einen hohen Bewegungsdrang haben und nicht verstehen, dass sie in ihrem Zimmer bleiben müssen. Ich persönlich denke, dass freiheitsentziehende Maßnahmen wirklich das letzte Mittel der Wahl sein dürfen. Wir müssen uns also überlegen, wie wir hier vorgehen oder ob es Einrichtungen zur übergangsweisen Unterbringung gibt. Letzteres ist aber schwierig, weil die Betroffenen ihr gewohntes Umfeld brauchen – und die Menschen, die sie kennen. Bisher habe ich hierfür noch keine Lösung gefunden, die Frage beschäftigt mich aber sehr.

Das alles ist im Moment mein Alltagsgeschäft. Es ist sehr spannend, das kann ich Ihnen sagen. Wir finden jeden Tag eine kleine Lösung, aber sobald wir Lösungen gefunden haben, kommen die nächsten Probleme, um die wir uns kümmern müssen.

Wächter: Ich bin auch im Corona-Stab tätig und bedingt durch die Kitaschließungen beschäftigt mich natürlich zudem die Organisation von Beruf und Familie. Ich bearbeite hier im Kreishaus momentan Anfragen, die an die fachliche Leitung gehen, wie beispielsweise Presseanfragen oder Stellungnahmen, sodass die eigentlichen Adressat*innen entlastet werden. Unsere Abteilung zum Infektionsschutz und zur Umwelthygiene wurde innerhalb kürzester Zeit in eine Corona-Organisationsstruktur umgewandelt, in der mittlerweile bis zu 300 Mitarbeiter*innen arbeiten – unter anderem in den Teams Ermittlung, Verfügung, Dokumentation, Corona-Hotline und Fachberatungen. Seit ca. Anfang März, also seitdem in der Organisation des Krisenstabs gearbeitet wird, ist der Betrieb in Schichten aufgeteilt worden, auch die Wochenenden werden damit abgedeckt. Das ist für alle eine große Umstellung und mit einer sehr hohen Arbeitsbelastung verbunden Es gibt mittlerweile interne Bemühungen, den Alltag zu verbessern und gleichzeitig die anstehenden Dinge zu meistern. All diese neuen Prozesse zu koordinieren war eine enorme Herausforderung. „Hut ab“ vor den Prozessbegleitungen, die hier intern eingesetzt wurden und den Ablauf so strukturiert haben, dass jetzt langsam eine Routine eintritt.

Bei uns im Landkreis und in der Stadt Osnabrück hat sich das Infektionsgeschehen mittlerweile etwas verringert. Die Corona-Infektionen nehmen seit dem 12. April stetig ab und einige Personen gelten als genesen. Durch die rückläufigen Zahlen verringert sich der Druck in den einzelnen Teams etwas, sodass die Aufgaben langsam wieder „schaffbar“ werden.

 

 

LVG: Gibt es denn wichtige Themen, die momentan nicht weiterbearbeitet werden können, aber eigentlich drängen?

Broistedt: Bestimmte Vorhaben, die wir begonnen haben, sind jetzt nur schwer fortzuführen. Zum Beispiel haben wir im letzten Jahr mit großem Aufwand ein Projekt beantragt. Es handelt sich um ein Präventionsangebot für einen guten Schulstart. Wir beraten Kitas und Eltern zu Gesundheitsfragen, gesunder Ernährung und Bewegung und schauen auf die Entwicklung der Kinder. Im Augenblick kann dieses Projekt nicht wie geplant weiterlaufen, weil die Kitas geschlossen und die Notgruppen zu klein sind. Das Projektpersonal haben wir im Gesundheitsamt eingestellt. Trotzdem bin ich sonst sehr positiv gestimmt, dass wir all unsere Projekte und unsere weiteren Vorhaben weiterführen können. Und mit Ansätzen wie der Krisenhotline des Bündnis‘ gegen Depression in Südniedersachsen für Menschen mit Corona-bedingten psychischen Problemen, das von der Gesundheitsregion administrativ betreut wird, treffen wir gerade einen Nerv der Zeit. Das ist das, was jetzt im ländlichen Raum benötigt wird.

Schubert: Einige Angebote mussten aufgrund der Kontaktbeschränkungen vorerst reduziert werden. Auf der anderen Seite entwickeln sich im Sozialbereich neue Aktivitäten. Zum Beispiel hat uns eine Stiftung angefragt, wie sie die Hygienemöglichkeiten von Obdachlosen in Corona-Zeiten verbessern könnte. Sie fragte, ob es möglich sei, ein privat betriebenes Bad für solcherlei Zwecke zu nutzen. Wir geben dann Handlungsempfehlungen, und so ergeben sich ganz neue Handlungsfelder, die früher nicht zwingend in den Blick genommen werden mussten. An vielerlei Dingen, die wir bisher mit einigen Akteuren im Gesundheits- und Sozialbereich zusammen gemacht haben, wird man blad auch unmittelbar wieder anknüpfen können. Das wird kein Problem sein.

 

 

LVG: Woher bekommen Sie denn aktuell für Ihre Arbeit oder Ihre Arbeitsabläufe Unterstützung?

Broistedt: Ich kann mich auf den Corona-Stab beziehen. Die Stabsarbeit ist ein sehr hierarchisches System. Es gibt eine Leitung und zusätzlich übernehmen Mitarbeitende aus der Stadtverwaltung verschiedene Funktionen mit unterschiedlichen Aufgaben. Außerdem unterstützen uns die Feuerwehr, der Personal- und Ordnungsbereich, der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, unsere großen Kliniken, die Polizei und Bundeswehr, der medizinische Dienst der Krankenkasse und Studierende. Egal an welchen Stellen Bedarf aufkommt – wir können schnell handeln. Die Breite der Unterstützung ist ein großer Vorteil der Stabsarbeit.

Schubert: Für mich ist vor allem unsere Dezernentin eine enorme Unterstützung. Sie spielt die zentrale Rolle bei der Pandemiebewältigung in Braunschweig. Sie hat die Leitung der Gefahrenabwehrstelle gemeinsam mit dem Chef der Feuerwehr übernommen. Von der Feuerwehr wiederum konnten wir für unsere aktuellen Herausforderungen ein Leitthema übernehmen: Sei immer in allen Bereichen mindestens drei Schritte voraus, um einer Situation auf keinen Fall hinterher zu hinken. Diese Sichtweise ist für unsere momentane Arbeit schon sehr bezeichnend. Mit den Kliniken vor Ort war es schon immer gut und da ist die tägliche Zusammenarbeit jetzt noch mehr zusammengewachsen. Insgesamt haben wir mit allen Beteiligten eine Art der Kommunikation gefunden, die auf Verständnis und nicht auf „Funktionieren nach Befehl und Gehorsam“ setzt und die es erlaubt, alle Dinge anzusprechen, ohne diese in einer Unendlichkeit ausdiskutieren zu müssen. Das hat mir sehr imponiert und das wirkt sich positiv auf die gesamte Zusammenarbeit aus. Unsere Amtsleitung ist leider schon seit einiger Zeit nicht mehr im Dienst – somit vertritt sie nun unser Fachbereichsleiter, ein Jurist. Das war in diesen Zeiten eine extrem gute Entscheidung, da viele Fragen eben auch juristisch zu klären sind. Dann sind wir auch sehr eng in der Zusammenarbeit mit der Verwaltung verknüpft.

Also die Form der internen Zusammenarbeit ist noch einmal ganz stark intensiviert worden, mit dem Aspekt vor Augen, dass es immer wieder ganz schnell zu Lösungen kommen muss und diese jeden Tag auf andere Weise gefunden werden müssen. Das heißt, die Kommunikation ist jetzt immer sehr zielorientiert. Und trotzdem ist der Austausch von gegenseitigem Verständnis der unterschiedlichen Kompetenzen und Qualifikationen gekennzeichnet. Es ist eine außerordentlich positive Erfahrung, zu erleben, dass so viele unterschiedliche Personengruppen so eng zueinanderstehen. Alle denken an einem Thema mit und versuchen, ihre Qualifikation da einzubringen, wo sie gebraucht wird. Ärzt*innen stellen sich zum Beispiel für einen Abstrich-Dienst zur Verfügung, sodass sie, sobald es irgendwo „brennt“, sofort losfahren können.

Der Infektionsschutz ist allerdings deutlich unterbesetzt und muss zukünftig eine größere Aufwertung erfahren. Auch an solchen Konzepten arbeitet man jetzt schon.

Krebstakies: Ich arbeite eng mit dem Amtsarzt des Gesundheitsamtes zusammen. Das funktioniert auch deswegen so gut, weil durch die Gesundheitsregion schon vorher eine enge Kooperation bestand. Durch die Patient*innenkontakte habe ich außerdem einen sehr engen Draht zur Gesundheitsaufsicht bzw. zu deren Team hier im Gesundheitsamt.

Wächter: Wir profitieren momentan enorm von einer sehr guten Zusammenarbeit und hohen Hilfsbereitschaft im Kreishaus. Egal von wem ich kurzfristig Informationen oder Unterstützung brauche, die Kolleg*innen nehmen sich trotz der hohen Arbeitslast die Zeit und sind dabei sehr hilfsbereit. Die große gegenseitige Unterstützung nehme ich in allen Teams wahr. Gleichzeitig könnte ich mir vorstellen, dass ein intensiverer Austausch zwischen den Gesundheitsdiensten oder Gesundheitsämtern eine gute Unterstützung wäre. In den verschiedenen Kommunen gibt es oft sehr viele und gute ad hoc Hilfsangebote und es wäre schön, wenn wir es schaffen, uns dahingehend auszutauschen und von den guten Dingen zu lernen. Insgesamt glaube ich, dass nach der Krise resümiert werden muss, welche schwierigen und nicht tragbaren Situationen es wirklich gab. Das gilt auch für das Gesundheitssystem insgesamt. Wo muss man nachsteuern und nachbessern? Vor diesem Hintergrund besteht außerdem der Wunsch auch nach der Pandemie, nicht in eine „Projektitis“ zu verfallen, sondern vor allem verlässliche und nachhaltige Strukturen zu schaffen – denen natürlich dann auch wieder innovative Projekte entwachsen können.

 

 

LVG: Uns interessiert natürlich auch die Arbeit als Gesundheitsregion. Ist diese bei Ihnen momentan überhaupt möglich?

Krebstakies: Bei uns stand die Gesundheitsregion noch ganz am Anfang, als COVID-19 präsent wurde. Ich hatte zunächst die Gesundheitsakteure im Landkreis Ammerland besucht, um sie kennenzulernen und zu Versorgungslücken, Ideen und Möglichkeiten zu befragen. Diese Ideen würde ich nun gerne in der Steuerungsgruppe und über die Gesundheitskonferenz konkretisieren und weiterentwickeln. Ursprünglich sollte unsere erste Steuerungsgruppensitzung Mitte März stattfinden, die Gesundheitskonferenz war für September geplant. Beides musste jetzt abgesagt werden. Dabei ist eine gute Kommunikation gerade zu Beginn enorm wichtig. Ein persönliches Treffen zur Planung weiterer Schritte der allgemeinen Arbeit in der Gesundheitsregion ist eigentlich zwingend erforderlich. Wir überlegen deshalb, welche Alternativen es zu einem persönlichen Treffen gibt. Sollten die laufenden Beschränkungen weiter anhalten, könnte man die Treffen vielleicht per Videotelefonie durchführen, damit wir an den Themen auch weiterarbeiten können. Denn so langsam kehren wir ja auch sonst wieder zu unserer eigentlichen Arbeit zurück und deshalb möchte ich jetzt auch für die Gesundheitsregion wieder mehr Zeit investieren.

Broistedt: Das kann ich nur bestätigen, ich denke, da geht es uns allen ähnlich. Auch wir mussten alle größeren Veranstaltungen absagen und bieten in diesem Jahr erstmalig auch kein Gesundheitsforum und keine Gesundheitskonferenz an. Die Sitzungen der Gesundheitsregion führen wir per Videokonferenz durch. Aber Corona ist natürlich auch dort ein Thema. In einer Sitzung haben wir uns beispielsweise darüber beraten, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen aus dem sowieso schon schlecht versorgten ländlichen Raum jetzt unterstützt werden können. Unsere Gesundheitsregion ist Mitglied im Bündnis gegen Depression. Gemeinsam haben wir die bereits erwähnte Krisenhotline entwickelt, die sehr stark in Anspruch genommen wird. Die Hotline war aber nur eine Idee von vielen. Bei uns in der Gesundheitsregion wirkt ein großer Sportverein mit. Dieser hat eigene Kitas und bietet dort u.a. Notbetreuungen an. Das Personal hat mittlerweile angefangen, jeden Tag Videos mit kurzen Sequenzen und für unterschiedliche Altersstufen zu „Sport im Zimmer“ zu drehen. Damit man sich auch jeden Tag in der eigenen Wohnung bewegt. Das wird relativ gut in Anspruch genommen. Auch die Mitarbeiter*innen der Gesundheitsregion haben Videos und Plakate zur Gesundheitsförderung im Homeoffice erstellt und auf der Webseite eingestellt. Die Beteiligten aus den Gesundheitsregionen gestalten unterschiedliche Angebote, die verschiedenartig unterstützen. Auch wenn es nur das Nähen von Mund-Nasen-Schutz ist – was hier Hochkonjunktur hat.

Auch in anderen Gesundheitsregions-Projekten rückt COVID-19 immer wieder auf die Tagesordnung. Die konzeptionellen Arbeiten des Projektes „HEDI – Hebammenversorgung digital unterstützt“ etwa laufen weiter. Gleichzeitig müssen wir uns aber Gedanken dazu machen, wie wir Hebammen auf die Begleitung von COVID-19 positiv getesteten Frauen vorbereiten, damit eine gute Unterstützung während und nach der Geburt trotz der Pandemie erfolgen kann. Im Projekt DICTUM wurde eine App entwickelt, die die Diagnosestellung bei Geflüchteten unterstützt, indem in mehreren Sprachen und via Symbolen unterschiedliche Fragen zu Beschwerden gestellt werden. In Braunschweig wurde diese App nun für den Rettungsdienst weiterentwickelt und um COVID-19-Symptome ergänzt. Gerade heute Morgen haben wir entschieden, dass wir für verschiedene Arztpraxen iPads mit dieser App anschaffen werden, damit die COVID-19-Diagnosestellung bei Menschen mit Sprachbarrieren leichter fällt. Das ist ein Mehrwert, der erst durch die Förderung in den Gesundheitsregionen entstanden ist.

Wächter: In meiner Tätigkeit als Koordinatorin für die Gesundheitsregion konzentriere ich mich im Moment auf die besonders drängenden Dinge. Das giltbenfalls für die aktuellen Projekte, sichert gleichzeitig aber auch deren Fortführung. Dabei habe ich natürlich immer auch im Blick, wie ich Kapazitäten für das Corona-Team bereitstellen kann. Wir haben hier innerhalb der Gesundheitsregion verschiedene Projekt, u. a. zur Stillförderung. Diese haben wir jetzt über soziale und lokale Medien beworben, da die Anfragen der Mütter im Rahmen der Pandemie aus Verunsicherung zurückgegangen sind. Stillberatung findet jetzt über Videotelefonie, Chat-App und andere Kanäle statt. Hausbesuche werden momentan nur in Notfällen durchgeführt. Alles natürlich mit vorheriger Absprache, Ankündigung und Einhaltung der Hygieneregeln. Dann läuft z. B. noch ein Projekt zur Kindereingangsuntersuchung. Glücklicherweise konnten wir die Untersuchungen vor der Pandemie abschließen, sodass wir jetzt mit der Datenaufbereitung und -auswertung im Zuge der begleitenden Evaluationen fortfahren können. Im Projekt eMedCare werden Pflege und Medizin über eine Plattform und per App digital miteinander vernetzt. Hier können wir den Schwung der Digitalisierungswelle im Zuge der Corona-Pandemie mitnehmen. Denn Vernetzung auf „analogen“ Wegen gestaltet sich momentan natürlich schwer. Insgesamt führen wir unsere Projekte also regulär fort, müssen sie jedoch gleichzeitig an die aktuellen Gegebenheiten anpassen – das ist herausfordernd, gelingt aber zielführend.

Krebstakies: Wir überlegen jetzt tatsächlich, ob man zukünftig auch eine Telegesundheitskonferenz durchführen könnte. Insbesondere im Rahmen der Vortragsarbeit. Das heißt in Abstimmung mit den Akteuren per E-Mail oder Videotelefonie. Auch um die Bürger*innen ins Boot holen zu können.

Schubert: Ich glaube auch, dass die Gesundheitsregionen das Thema Digitalisierung nochmal in den Blick nehmen werden. Man muss die Erfahrungen, die wir in dem Bereich jetzt machen, auch später nutzen. Das entscheidet ein Gesundheitsamt allerdings nicht allein. Zumindest hier in der Stadt gibt es ein großes Netzwerk im Digitalbereich, das sich mit diesen Themen befasst und das sehr vorbildlich gemacht hat. Im Moment scheitern wir daran, uns auf digitalen Wegen telekommunikativ miteinander zu vernetzen. Da sind insbesondere die Datenschutzvoraussetzungen sehr hoch. Insgesamt sind wir hier aber auf einem ganz guten Weg und werden davon dann vermutlich auch nachhaltig profitieren. Alles andere wäre Verschwendung.

Ich gehe zudem davon aus, dass wir uns in mehreren Wellen mit COVID-19 beschäftigen werden und da wird es zwingend so sein, dass wir uns in einer anderen Form als bisher vernetzen. Die Telefonkonferenzen mit den Heimen, die von unserer Dezernentin geführt werden und an denen ich teilgenommen habe, integrierten bis zu zwölf Teilnehmer*innen. Bei einem Zeitraum von 1,5 Stunden kann das äußerst anstrengend werden. Man bekommt gewisse Feinheiten, die man unmittelbar von den Gesichtern ablesen kann, nicht mit. Auch deswegen ist Videotelefonie zwingend notwendig. Ich glaube, da wird ein Teil der Zukunft liegen müssen.

 

 

LVG: Ist auch schon abzusehen, wie es in den Gesundheitsregion in den kommenden Monaten weitergeht? Machen Sie sich Sorgen um bestimmte Arbeitsprozesse oder Projekte?

Schubert: Ich glaube, im Zuge von COVID-19 werden viele neue Ideen entstehen, von denen ich jetzt noch gar nichts weiß. Ich denke, diese werden auch von extern massiv auf uns einströmen und neue Impulse setzen. Ich hoffe sehr, dass in dem Zuge wirklich ganz neue Maßnahmen auf den Markt kommen werden. Dazu kann ich nochmal auf die Digitalisierung zurückkommen, diesmal konkret in der Gesundheitsversorgung. Das meiste, was wir bisher in diesem Bereich gemacht haben, ist unter Modellentwicklung zu verbuchen – gerade bei assistierenden Gesundheitstechnologien. In der tatsächlichen Versorgung von Patient*innen sind diese Ideen zumeist noch nicht angekommen. Ich glaube, das bekommt jetzt mehr Wind. Es wird sich zeigen, wenn wir das Thema Gesundheitsversorgung vor dem Hintergrund und im Nachgang dieser Pandemie analysieren müssen. Waren wir überall gut aufgestellt? Wo können wir besser werden? Da wird das Thema Digitalisierung eine große Rolle spielen. Es gibt einige Ärzt*innen, die das jetzt vorbildlich ausprobiert haben und die Patient*innenkontakte und auch Triagen über Videokonferenzen machen und damit sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Das sind in der Regel eher die jüngeren Ärzt*innen, so um die 35-45 Jahre, die sich engagieren. Aber ich glaube, dass sie ihre Kolleg*innen im positiven Sinne mit dem Thema anstecken können, und dass die Digitalisierung entsprechend Fahrt aufnehmen wird. Und damit sicherlich auch in den verschiedensten Strukturen und Projektideen der Gesundheitsregionen eine größere Rolle als bisher einnehmen wird.

Sorgen um die Gesundheitsregionen mache ich mir also überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. In einer Situation, wie wir sie jetzt haben, wird die Bedeutung guter Kommunikation in guten Strukturen allen deutlich. Vor allem, um möglichst keine Störfälle zu erzeugen und um lösungsorientiert voranzugehen.

Krebstakies: Dem kann ich eigentlich nur zustimmen. Sorgen mache ich mir auch nicht. Ich denke, es haben sich jetzt sogar noch mehr Handlungsbedarfe ergeben. Bei uns zum Beispiel ist es so, dass Akteure aus der Gesundheitsregion teilweise auf das Gesundheitsamt zugekommen sind, um uns zu unterstützen. Der Seniorenstützpunkt, auch Teil der Gesundheitsregions-Steuerungsgruppe, ist jetzt zum Beispiel im Gesundheitsamt und hat bei den Patient*innenkontakten ausgeholfen. Das befördert natürlich den Austausch zu Gesundheitsregions-Themen untereinander und es entstehen „nebenbei“ neue Ideen.

 

 

LVG: Wirkt sich die Arbeit der Gesundheitsregionen auf die aktuellen Kooperationen aus?

Wächter: Ganz klar ja. Die jetzige Zusammenarbeit profitiert enorm von den Strukturen der Gesundheitsregion. Mir wurde von verschiedenen Seiten bestätigt, dass die Basis der Zusammenarbeit durch die Gesundheitsregion sehr gut ist. Über die Struktur der Steuerungsgruppe kannten sich die Mitglieder bereits vor der Pandemie und eine gewisse Zusammenarbeit war bereits erprobt. Diese Kontakte werden jetzt intensiv genutzt und sind für die oft unmittelbar benötigten Lösungen bei vielen Problemstellungen nicht nur enorm hilfreich, sondern unabdingbar.

Schubert: Das würde ich so auf jeden Fall bestätigen. Dass man sich kennt, spielt auch dann eine besondere Rolle, wenn Dinge kontrovers diskutiert werden müssen und Meinungen auseinander gehen. Das klappt gut, weil die Zusammenarbeit in den Gesundheitsregionen schon vor der Pandemie stattgefunden hat. Das ist eine Voraussetzung dafür, Dinge zusammen gestalten zu können. Diese Erfahrung ist viel wert und in keinem Bereich wurde Porzellan zerschlagen. Ich bin außerdem felsenfest davon überzeugt, dass wir auf diesen positiven Erfahrungen wiederum auch in der Arbeit der Gesundheitsregion aufbauen können.

Wächter: Das denke ich auch, die Gesundheitsregionen werden sicherlich auch gestärkt aus der Krise gehen. Auch wenn ich derzeit nicht im direkten Kontakt mit den Krankenhäusern, den niedergelassenen Ärzt*innen, der KVN oder den Bürgermeister*innen stehe, merke ich, dass zwischen diesen Akteuren im Moment eine sehr enge Zusammenarbeit erfolgt – deutlich über dem Maß, das vor der Pandemie vorlag. Ich glaube schon, dass diese intensivierte Zusammenarbeit sich positiv auf die zukünftige Arbeit in der Gesundheitsregion auswirken wird. Außerdem und wie schon angesprochen, werden wir sicherlich den digitalen Schwung insgesamt nutzen können. Besonders die Bereiche, die hier noch wenig digital vernetzt sind und sich schwer mit dem Thema tun, könnten jetzt neue Motivation erfahren, z. B. Alten- & Pflegeheime oder niedergelassene Ärzt*innen.

Broistedt: Das kann ich nur unterstützen. Dadurch, dass wir uns vorher kannten und jetzt so intensiv zusammenarbeiten, entstehen wirklich gute Unterstützungsangebote. Da sind wir sicherlich noch am Anfang, aber ich verspreche mir sehr viel aus solchen Kooperationen. Die Zusammenarbeit ist noch intensiver geworden und wir rücken alle eng zusammen – und das auch in der Region. Das Netzwerk in Göttingen bestand lange Zeit insbesondere aus städtischen Akteuren. Akteure aus den Landkreisen kamen nur langsam dazu. Vor allem der Landkreis Northeim hat lange mit einer Mitgliedschaft in der Gesundheitsregion gezögert – da der historische Name „Gesundheitsregion Göttingen e.V.“ (der Verein feiert in diesem Jahr sein 10-jähriges Jubiläum) ja erstmal nichts mit Northeim zu tun hat. Wir haben die Gesundheitsregion deshalb in „Gesundheitsregion Göttingen-Südniedersachsen“ umbenannt. Trotzdem fühlte sich der Landkreis Northeim nicht vollständig integriert. Ich glaube, das hat sich jetzt verändert, weil wir momentan so intensiv zusammenarbeiten.

Krebstakies: Grundsätzlich finde ich ebenfalls, dass die Vernetzung sich nochmal intensiviert hat und dass der Zusammenhalt insgesamt gestärkt wurde, was der Arbeit als Gesundheitsregion und sektorenübergreifender Arbeit allgemein sicherlich zugutekommen wird. Dazu zählen wiederum auch digitale Kommunikationsformen. Ich denke, das Thema Vernetzung wird durch die Pandemiebekämpfung enorm profitieren.

Schubert: Ich denke auch, dass so übergeordnete Dinge wie Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und Zielorientierung eine andere Bedeutung bekommen haben. Bisher haben wir sehr viel in Zuständigkeiten gedacht, auch wenn wir natürlich versucht haben, das Säulenhafte der Versorgung aufzubrechen. Aber da stößt man eben an gewisse Grenzen. Wir merken jetzt umso stärker, dass wir mit gebündelter Energie schnell und nachhaltig Erfolge erzielen können. Ich denke, es ist kein Zufall, dass wir in der gesamten Bundesrepublik und auch in bestimmten Landkreisen, derartig schnell zu wirklich bemerkenswerten Strukturen und vor allem zu Ergebnissen gekommen sind, die sich sehen lassen können. Dafür werden die Gesundheitsämter nicht umsonst von verschiedensten Seiten gelobt. Das hat es so bisher noch nicht gegeben. Und all das, wird auch der Arbeit als Gesundheitsregion zugutekommen.

Wichtig ist dann auch, dass wir die Erfahrungen aller Gesundheitsregionen zusammentragen und nicht automatisch wieder in das reguläre Geschäft übergehen und so tun, als wäre nichts gewesen. Vielleicht sollten wir versuchen, die unterschiedlichen Erfahrungen aus den verschiedenen Bereichen im Rahmen einer Evaluation zusammenzutragen. Denn vermutlich sind die einzelnen Erfahrungen und Aspekte dieser Krise individuell sehr unterschiedlich und es könnte etwas Neues für uns, die niedersächsischen Gesundheitsregionen, entstehen.

Krebstakies: Ich würde mich auch über einen internen Austausch freuen, vielleicht schon beim nächsten Koordinator*innentreffen im Rahmen einer Videokonferenz. Mich interessiert z. B., welche Erfahrungen die anderen Gesundheitsregionen mit digitalen Kommunikationswegen machen oder wie Gesundheitskonferenzen in anderen Regionen zukünftig gestaltet werden.

Schubert: Die Ausgestaltung von Gesundheitskonferenzen ist ein wichtiges Thema. Ich denke, sie können nicht mehr wie bisher mit 200 Teilnehmer*innen, eng bestuhlt und mit Schulterkontakt durchgeführt werden. All das scheint mir in so weiter Ferne, aber es weiß ja noch niemand, welche Nähe und Distanz wir zukünftig brauchen, um eine neue COVID-19-Welle zu vermeiden und ob wir Veranstaltungen überhaupt wieder so durchführen können wie bisher. Die Gesundheitsregionen sollten gemeinsam überlegen, mit welchem Plan B wir hier in die Zukunft starten könnten.

 

 

LVG: Was würden Sie sich jetzt für die nächsten 12 Monate wünschen? Vor allem mit Blick auf Ihre Arbeit?

Broistedt: Dass die Pandemie ein Ende hat und dass unser Gesundheitssystem daran nicht kollabiert, sondern dass wir das Infektionsgeschehen weiter gut in den Griff bekommen und bald einen Impfstoff finden. Und dass diese gut geknüpften Verbindungen auch nach der Pandemie weiter fortbestehen bleiben.

Wächter: Da kann ich mich nur anschließen. Der Wunsch, dass die Kontaktbeschränkungen langsam heruntergefahren werden, ist mittlerweile bei allen groß – wenngleich ich natürlich verstehe, wie sinnvoll und notwendig diese sind. Ich denke auch viel an die Wirtschaft, insbesondere an die kleinen Geschäfte, Bistros und Ähnliches. Intern wünsche ich mir, dass alle weiterhin gesund bleiben und den großen Belastungen standhalten können, um weiterhin möglichst gut durch die Krise zu kommen.

Krebstakies: Auch ich wünsche mir „Normalität“. Und ich bin gespannt, wie sich die Zukunft gestalten wird.

Schubert: „Normalität“ wünsche ich mir auch, obwohl wir natürlich nicht wissen, wie sie zukünftig aussehen wird. Eins haben wir ja alle in der Krise gelernt: „Was heute gilt, muss morgen nicht gelten“ – und diese Flexibilität, mit der wir alle Probleme bewältigen konnten, die auf uns zugekommen sind, gibt mir viel Kraft dafür, die Zukunft positiv zu sehen. Man kann ein bisschen auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen, sich flexibel auf neue Dinge einstellen und sie beeinflussen. Das gilt auch für unsere Arbeit, die wir ja im Prinzip für die Bevölkerung machen. Auch wenn es im Moment nicht mehr in den gewohnten Beteiligungsstrukturen verläuft, bleibt die Zielrichtung dennoch die Gleiche: Der Blick für eine Körperschaft, das Gemeinwohl und die Gesamtheit. Dennoch würde ich mir tatsächlich wieder mehr Arbeit und mehr unmittelbare Gespräche mit den Menschen wünschen, als es aktuell möglich ist.

Broistedt: Ich schließe mich noch mit einer kritischen Anmerkung an. Gesundheitsregionen sind Gebilde, die vom Land gefördert werden. Aber die Landesförderung ist einfach zu gering. Das, was wir bekommen, reicht nicht aus, um so eine Geschäftsstelle vernünftig auszustatten. Wir hier in Göttingen haben durch unsere vielen Mitglieder und die Unterstützung der drei Kommunen immer noch eine etwas bessere Ausstattung als kleinere Gesundheitsregionen, aber ich glaube, wenn den Entscheidungsträger*innen des Landes an Gesundheit und Prävention wirklich etwas gelegen ist, müssen sie eine größere, breitere und langfristigere Förderung für die Gesundheitsregionen auflegen. Gleiches gilt für den öffentlichen Gesundheitsdienst. In den letzten Jahren wurde hier enorm gespart und dennoch haben wir es irgendwie geschafft, unseren Job gut zu machen. Aber mit dem Personal, das wir haben, können wir nicht unsere Regelaufgaben und eine Pandemie gleichzeitig bewältigen – das geht einfach nicht. Gleiches sehen wir im Moment auch bundesweit. Ich hoffe, dass nach dieser Pandemie für alle deutlich wird, dass wir die Gesundheitsämter personell stärken müssen – bundesweit.

Ein letzter Punkt: Wir haben sehr viel über Gesundheit gesprochen, parallel dazu sind die Kommunen aber auch noch für alle anderen Belange der Bevölkerung da, und zwar auch jetzt genauso wie immer. SGB-II-Leistungen müssen gezahlt, Wiedereingliederungshilfen geleistet werden, es müssen Bauanträge bewilligt werden und so weiter. Das ist ein Spagat, den wir im Augenblick leisten. Unterdessen stehen die Kommunen kurz vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Wir rechnen damit, dass unser Haushalt in diesem Jahr komplett gekippt wird, während sich gleichzeitig die Ausgaben erhöhen. Es gibt mehr Hartz-IV-Empfangende, Mehrausgaben für die Pandemie, für Schutzkleidung, für Aufstockung des Gesundheitsamtes u.v.m. Ich wünsche mir, dass sich das Land dieser Probleme annimmt und ein Förderprogramm auflegt, das den Kommunen zugutekommt, damit diese auch bis Ende des Jahres durchhalten.

LVG: Vielen Dank für das Gespräch und Ihre Offenheit.

 

Das Interview führten Lea Oesterle und Marius Haack, Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V.