In den kommenden Jahrzehnten ist mit einem starken Anstieg von pflegebedürftigen Menschen zu rechnen, unter ihnen viele mit eigener Zuwanderungsgeschichte. Um den wachsenden Bedarf an professioneller Pflege zu decken fehlt es den Pflegeeinrichtungen derzeit an Nachwuchs. Auch die für den Ausbau kultursensibler Pflegeangebote benötigen Fachkräfte mit Migrationshintergrund fehlen.

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Die ältere Bevölkerung mit Migrationshintergrund wird als eine der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen in Deutschland beschrieben. Bis Anfang der 2030er Jahre wird eine Zunahme von älteren Menschen mit Migrationshintergrund von jetzt 9% auf 15% erwartet. Im Durchschnitt leben 44 Prozent der 65jährigen mit Migrationshintergrund von weniger als 900 Euro im Monat. Sie verfügen über weniger Wohnfläche, ihre Wohnungen haben seltener Balkon, Garten oder Terrasse und befinden sich häufiger in renovierungsbedürftigen Häusern und sozial benachteiligten Stadtteilen als die der gleichaltrigen Einheimischen.

Die Belastungen aus dem Erwerbsleben sowie deren schlechtere soziale Lage führen ungefähr zu einer 10 Jahre früher eintretenden Pflegebedürftigkeit als es im Bevölkerungsdurchschnitt der Fall ist. Bereits jetzt haben ungefähr 8 Prozent der im Sinne des SGB XI pflegebedürftigen Personen einen Migrationshintergrund. In den nächsten zwei Jahrzehnten ist mit einer weiteren Zunahme pflegebedürftiger Migrantinnen und Migranten zu rechnen.

 

Familiale Pflegemodelle werden bevorzugt

Die Versorgung pflegebedürftiger älterer Eingewanderter wird häufig  durch Angehörige erbracht. Professionelle Pflege sowie Angebote zur Entlastung und Unterstützung pflegender Angehöriger werden von Familien mit Zuwanderungsgeschichte kaum angenommen. Als Gründe werden die hohe moralische Verpflichtung zur familialen Pflege, Informationsdefizite sowie ein Mangel an kultursensiblen Pflegeangeboten genannt.

Berufliche und anderweitige familiäre Verpflichtungen gestalten die Umsetzung von familialen Pflegemodellen aber auch in dieser Bevölkerungsgruppe zunehmend schwieriger. In Folge der hohen Belastungen leiden pflegende Angehörige nicht selten unter seelischen und körperlichen Erkrankungen. Des Weiteren besteht die Gefahr der sozialen Isolation und auch der Arbeitsplatz wird häufig aufgegeben um die Pflege ausüben zu können. Ein 2014 erstelltes Gutachten zeigt, dass eine Unterstützung pflegender Angehöriger in Familien mit Zuwanderungsgeschichte sowohl in psychosozialer Hinsicht als auch im pflegerischen Bereich erforderlich ist. Weiterhin hat die Untersuchung Hinweise erbracht, dass es geboten ist, die Selbsthilfepotenziale pflegender Angehöriger zu stärken.

 

Ortsbesuche

Vor diesem Hintergrund wurde durch die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (LVG & AFS) ein Projekt zur Unterstützung pflegender Angehöriger in Familien mit einer Zuwanderungsgeschichte entwickelt. Im Rahmen des Projektes Ortsbesuche lernen Vertreterinnen und Vertreter von Migrantenselbstorganisationen (MSO) und Religionsgemeinschaften Einrichtungen aus dem Gesundheits- und Pflegebereich sowie der Selbsthilfe kennen. Zudem erhalten Fachkräfte aus den oben genannten Bereichen die Möglichkeit sich über die Lebenssituation von Familien mit Zuwanderungsgeschichte sowie über die Struktur und Funktion verschiedener MSOs und Religionsgemeinschaften zu informieren. Ziel ist es Pflegebedürftige und ihre Angehörigen über Möglichkeiten zur Unterstützung und Entlastung zu informieren, Zugangsbarrieren abzubauen und somit eine verbesserte Inanspruchnahme der Angebote zu erreichen. Zugleich werden die Fachkräfte hinsichtlich der Lebenssituation von Familien mit Zuwanderungsgeschichte sensibilisiert.

In der Umsetzung bedeutet dies, dass eine Gruppe, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern von MSOs und Religionsgemeinschaften, an einem Tage verschiedene Einrichtungen aus dem Gesundheits- und Pflegebereich besucht. Dies kann beispielsweise eine Selbsthilfekontaktstelle, ein Pflegestützpunkt oder eine Tagesbetreuung für Demenzkranke sein. Vor Ort werden die Teilnehmenden über das Angebot der jeweiligen Einrichtung informiert und lernen einige der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen. Die Gruppe wird so zusammengestellt, dass die Teilnehmenden aus demselben Sprachraum kommen und eine Person zum Dolmetschen die Gruppe begleiten kann. Im Gegenzug besucht eine Gruppe, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern des Gesundheits- und Pflegebereichs, an einem Nachmittag zwei Einrichtungen einer  MSOs bzw. Religionsgemeinschaft. Vor Ort erfahren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwas über das Leben der Community in Deutschland sowie die Funktion und Struktur der jeweiligen Organisation.

 

Erprobung des Konzeptes

Über den Fonds „Miteinander – Gemeinsam für Integration“ der Region Hannover konnte die LVG & AFS Sachmittel zur Erprobung des Projektkonzeptes einwerben. Auf diese Weise wurden in 2015 drei Exkursionen mit insgesamt 19 älteren Migrantinnen und Migranten und zwei Exkursionen mit insgesamt 13 Fachkräften aus Pflegestützpunkten, Krankenkassen, Selbsthilfekontaktstellen sowie der Alzheimergesellschaft der Region Hannover durchgeführt werden.

Während der Besuche entwickelten sich intensive Gespräche über die verschiedenen Angebote der Einrichtungen sowie den Hilfebedarf der Teilnehmenden. Es zeigten sich ungeahnte Wissensdefizite hinsichtlich der Leistungen der Pflegeversicherung und der Selbsthilfe. Des Weiteren war die Vielfalt möglicher Pflegearrangements den Teilnehmerinnen und Teilnehmern meist nicht bekannt. Auch Personen die bereits seit längerer Zeit Angehörige pflegen waren meistens nur sehr rudimentär über die vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten informiert. Neben den Wissensdefiziten inhaltlicher Art war den meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht bewusst an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können. Es zeigte sich, dass Fragen hinsichtlich der Pflege von Angehörigen häufig nur im Bekanntenkreis besprochen werden. Keine der teilnehmenden Personen hatte bis zum Zeitpunkt der Exkursion jemals einen Pflegestützpunkt aufgesucht. Die an den Exkursionen beteiligten Fachkräfte waren ohne Ausnahme von der Sinnhaftigkeit der Exkursion überzeugt. Der hohen Beratungsbedarf der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund war den Teilnehmerinnen  und Teilnehmern bis dato nicht bewusst.

 

Erfolgsfaktoren

Zugangsbarrieren bestehen in der Regel beidseitig. Dementsprechend wichtig ist es am Abbau von Hemmschwellen und Kontaktängsten auch beidseitig zu arbeiten. Dafür ist es wichtig, dass neben der Vermittlung von Informationen auch reale Begegnungen zwischen den Menschen, die hinter den Angeboten stehen und denjenigen die Unterstützung benötigen, geschaffen werden. Diese Begegnungen entstehen nicht von alleine sondern müssen gezielt initiiert werden.

Zudem wird im Rahmen des Projektes bewusst das gegenseitige Aufsuchen in den Mittelpunkt gestellt. Ähnlich dem Ankommen in einem unbekanntem Land ist das Aufsuchen einer nicht vertrauten Örtlichkeit mit dem Überschreiten einer Grenze verbunden. Das Bewegen in einer Gruppe Gleichgesinnter in Verbindung mit einer Person, der bereits mit der Örtlichkeit vertraut ist, erleichtert es Individuen diese Barriere zu überschreiten. Vor Ort wird die Gruppe dann als Gast und nicht als Fremder empfangen. Der Gastgeber fungiert als Experte für seinen Bereich und darf sich auch so präsentierten. Durch die Wechselseitigkeit der Besuche bekommt jeder die Möglichkeit in die Rolle des Gastes sowie das Gastgebers zu schlüpfen. Daraus ergeben sich zwischen Fachkraft und Hilfesuchenden  Begegnungen auf Augenhöhe, die in einen formalen Rahmen eingebunden sind.

 

Fazit

Das Projekt zeigt deutlich wie wichtig niedrigschwellige Ansätze zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen in Familien mit Zuwanderungsgeschichte sind. Angebote mit einer primären Komm-Struktur werden von dieser Bevölkerungsgruppe nicht angenommen. Von großer Bedeutung ist dabei die Vernetzung der Fachkräfte in den Beratungsstellen mit den Migrantenselbstorganisationen vor Ort.

 

Kontakt
Marcus Wächter-Raquet
Tel.: (0421) 48 53 35 10
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Das Internetportal „Gesundheit für Migrantinnen und Migranten in Niedersachsen" (GeMiNie) war eine internetbasierte Informationsplattform für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in den Bereichen Gesundheit, Soziale Arbeit, Migration und Integration. Ziel des Internetportals war es, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen bei gesundheitlichen Problemen eine Verständigung in ihrer Mutter- bzw. Verkehrssprache ihres Heimatlandes zu ermöglichen.

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