08.09.03 | Chronisch krank - Chronisch arm?

Unter diesem Titel veranstaltete die Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V. in Kooperation mit der Akademie für ärztliche Fortbildung und der Landesarmutskonferenz Niedersachsen am 08.09.2003 in Hannover eine Fachtagung. Kein „neues“ Thema, so stellten die ReferentInnen fest. Doch durch die aktuelle Diskussion in der Gesundheits- und Sozialpolitik und deren Auswirkung auf sozial Benachteiligte gewinnt es wieder mehr an Relevanz.

Prof. Dr. Klaus Dörner verdeutlichte in seinem Beitrag eindringlich, dass chronisch Kranke in unserer Gesellschaft immer noch zu einer ausgegrenzten Bevölkerungsgruppe gehören. Die Medizin vernachlässigt die ChronikerInnen, da diese nicht in das Bild einer leidensfreien Gesellschaft passen. In Anbetracht der Tatsache, dass 40% der HausarztpatientInnen der Gruppe der chronisch Kranken angehört, fordert Prof. Dr. Dörner den Fortschrittstraum von einer gesunden Gesellschaft auszuträumen und der Chronisch-Kranken-Medizin den gleichen Stellenwert beizumessen wie es aktuell der Akut-Medizin zu teil wird. Eine Absage erteilte er der heutigen Praxis der Heimunterbringung. Gerade chronisch Kranke werden wie selbstverständlich viele Jahre ihres Lebens in Heimen untergebracht, obwohl sie auch ambulant im eigenen Wohnfeld mit geeigneter Betreuung leben könnten. Ziel muß es sein, zu einer Nachbarschaftsmentalität zurückzufinden und die Verantwortung für „unsere“ chronisch Kranken im eigenen Viertel zu übernehmen.

Prof. Dr. Gerhard Trabert von der Fachhochschule Nürnberg beleuchtete den Zusammenhang von Armut und Krankheit am Beispiel onkologischer Erkrankungen.
Neben individuellem Risikoverhalten (z.B. Rauchen) ist insbesondere psychosozialer Stress (hervorgerufen durch Verschuldung, Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnbedingungen) als ein Risikofaktor für die Entstehung von Krebs anzusehen. An Fallbeispielen aus der eigenen Praxis verdeutlichte Prof. Dr. Trabert die Benachteiligung von sozial schwachen PatientInnen. Armut sei ein wesentlicher Risikofaktor bei der Entstehung von Krebs und kann sich ungünstig auf den Verlauf und die Therapiemöglichkeiten auswirken. Abschließend forderte er die Einrichtung mobiler Untersuchungsmöglichkeiten, niedrigschwellige Angebote und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen und Ehrenamtlichen.

In drei Workshops am Nachmittag wurden aus den Praxisbereichen „Berufliche Integration“, „Wohnungslosigkeit im Alter“ und „Chronische Erkrankung in der Familie“ Handlungsansätze vorgestellt und die Auswirkungen der aktuellen politischen Entwicklungen diskutiert. Mit Skepsis stehen viele TeilnehmerInnen dem Prozess der Agenda 2010 und den Hartz-Vorschlägen gegenüber. Die positiven Ansätze des zum 01.07.2001 in Kraft getretenen SGB IX zur Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen für schwerbehinderte Menschen könnten scheitern. Mängel im Gesundheitssystem bekommen deutlich auch die älteren Wohnungslosen zu spüren. Laut Regelung des § 72 BSHG steht eine Hilfe nur bis zur Vollendung des 59. Lebensjahres zur Verfügung. Für die Gruppe der chronisch kranken Eltern wurde ein Mehr an Unterstützung (z.B. Steuerentlastungen) gefordert.

Einen ausführlichen Tagungsbericht können Sie hier [4.635 KB] im PDF-Format herunterladen.

Chronisch Kranke – von der Medizin ignoriert?
Klaus Dörner
doernerchronischkranke.pdf [60 KB]